
Der Schatten einer offenen Tür
von Sasha Filipenko
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Erscheinungstermin 25.09.2024 | Archivierungsdatum 31.12.2024
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Zum Inhalt
Die gottverlassene Provinzstadt Ostrog wird von einer Suizidserie von Jugendlichen im Waisenhaus erschüttert. Kommissar Alexander Koslow aus Moskau soll die Ermittlungen in die Hand nehmen, doch die...
Eine Anmerkung des Verlags
Inspiriert von einer wahren Geschichte
Ein philosophischer Kriminalroman von einem der »aufregendsten Autoren russischer Sprache« (News, Wien)
Inspiriert von einer wahren Geschichte
Rezensionen der NetGalley-Mitglieder

Sasha Filipenko versteht die Kunst des Schreibens. Mit „Der Schatten einer offenen Tür“, hat er ein Buch mit einer so ernsten und düsteren Thematik erschaffen, was man aber aufgrund des spannenden Schreibstils nicht mehr aus der Hand legen kann und einen immer wieder zum Nachdenken bringen wird.
Eine fesselnde Geschichte mit Charakteren, die eine tiefe Traurigkeit beherbergen und der Hoffnung hinterherlaufen.

Filipenko schafft es in seinen Geschichten seinen Lesern die sogenannte "russische Seele" ein wenig näher zu bringen. Etwas, das ich sehr an seinen Büchern mag und ihm auch mit "Der Schatten einer offenen Tür" dank der wundervollen Charaktere wieder gelingt.
In einem Waisenhaus begehen vier Jugendliche kurz hintereinander Suizid. Was steckt dahinter? Moskau entsendet Spezialisten, um diese Frage zu klären.

Als sich in der russischen Provinzstadt Ostrog eine Reihe von Waisenkindern umbringt, wird der Ermittler Alexander Koslow hinzugezogen. Er soll bewerten, ob es jemanden gibt, der die Kinder in den Selbstmord treibt. Die lokale Polizei hingegen hat einen eigenen Verdacht: der Sonderling Petja soll der Mörder sein.
Die Geschichte beginnt mit einem Blick auf Petja, der sich, je mehr man von ihm hört, wirklich als Sonderling herausstellt. Er ist es auch, dem immer wieder ein Kapitel gewidmet wird. Allerdings in anderer Weise, als ich mir das erwartet hatte. Der Kommissar Koslow erfährt nämlich erst sehr spät, dass Petja überhaupt verdächtig wird. Überhaupt ist Koslow ganz anders, als ich mir erwartet hatte: Er ist viel zu sehr mit seinen eigenen Problemen (einer länger zurückliegenden aber noch nicht verarbeiteten Scheidung) beschäftigt, um sich allzusehr für den aktuellen Fall zu interessieren. Auch geht er den ganz anders an, als gedacht. Er ermittelt eigentlich nur, in dem er einige wenige Befragungen durchführt und dann Akten liest und liest und liest. Auch als Held taugt er wenig: Er ist viel zu abgeklärt und pessimistisch um sich für jemanden stark zu machen. Weder die Abgründe der Waisenhäuser noch Polizeigewalt scheinen ihn groß zu stören. So passt er ins düstere Bild, das hier gezeichnet wird. Die Provinzstadt scheint keinerlei Zukunftshoffnung zuzulassen, die Kinder im Waisenhaus leben in sehr prekären Verhältnissen und nichts davon scheint irgendjemanden zu interessieren – außer, es lässt sich medienwirksam zu einer Sensationsnachricht aufbauschen.
Überrascht hat mich, in wie vielen Bereichen sich der Autor Russland gegenüber kritisch ausspricht. Nicht nur in Bezug auf den Umgang mit Waisenkindern war das der Fall, auch das russische Rechtssystem wird hinterfragt, ebenso seine Politik.
Fazit: Ich bin mir nicht so sicher, was ich von dem Krimi halten soll. Mit einem klassischen Krimi hatte das Ganze nicht sehr viel gemein – und doch fand ich einige Aspekte der Geschichte ansprechend.

Eigentlich eine spannende Geschichte, auch der Ermittler ist ein durchaus interessanter Mensch. Aber empfehlen würde ich das Buch nur bedingt. Zu sehr bestätigt es das, was wir von Russland zu kennen glauben. Mich lässt es mit einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit zurück.

Einleitendes
„Der Schatten einer offenen Tür“ von Sasha Filipenko ist nichts für schwache Nerven.
Ein unbequemer Roman, der das Zeug hat, einem das Herz zu brechen.
Inhalt
Revierinspektor Michail Leontjewitsch kriegt unerwünschte Verstärkung aus Moskau: Alexander Koslow und Fortow, Leutnant der Justiz, reisen in die Provinzstadt Ostrog, um eine Suizidserie aufzuklären. Als die beiden Ermittler eintreffen, hat sich der vierte Teenager umgebracht, wieder ist es eines der Heimkinder. Sie hinterlassen keinen Abschiedsbrief, scheinen keine Gemeinsamkeiten zu haben. Was geht hier vor sich?
Ein Ermittler mit Liebeskummer
Protagonist Alexander Koslow möchte nicht nach Ostrog. Er war schon einmal hier und hat sich unbeliebt gemacht. Auch von seinem Begleiter, diesem Neuling, hält er nichts. Alles, was er will, ist seine Frau zurück. Die Richterin hat sich vor einigen Jahren von ihm getrennt, doch er glaubt noch immer an ein Happy End.
Ich hatte Schwierigkeiten, einen Draht zu Koslow zu kriegen. Allgemein empfand ich die Figuren als schwer zugänglich, denn daneben haben wir den abstoßenden Fortow, den Provinzler Michail Leontjewitsch, der nichts ernst nimmt, und Pjotr Petrowitsch Pawlow, genannt Petja oder Petak, ein ehemaliges Heimkind. Der Junge ist anders: Uneigennützig betreibt er ein kostenloses Sammeltaxi, er ist verständnisvoll, kämpft für die Natur und das, was er für richtig und wichtig hält. Er ist ein guter Mensch – und damit in dieser Geschichte der Außenseiter.
Kein typischer Krimi
Zitat
"Diese Kinder waren einmal, und jetzt sind sie nicht mehr. Aus dem Leben gefallen wie Milchzähne."
eBook, Sechzehnter Gesang, Pos. 1714/2487, 69 %
Kassimow Rinat, Oxana Zwetkowa, Olja Gagarina – und bei Eintreffen der Ermittler bringt sich ein weiteres Mädchen um. Vier Tote, ein Dorfpolizist, zwei von der Mordkommission, es könnte ein herkömmliches Buch dieses Genres sein. Ist es aber nicht.
Ich geb’s zu: Ich gehöre nicht zur Zielgruppe. Ich wollte einen banalen Kriminalroman – und ja, die Fälle werden (nebenbei) aufgeklärt, es ist jedoch keine typische Detektivgeschichte. Der Text lässt sich schwarzhumorig bzw. „realitätskritisch“ lesen. Wenn man sich eine Sekunde nimmt und zu dem belarussischen Schriftsteller Sasha Filipenko recherchiert, überrascht das nicht. Mein Fehler. Deshalb: Wer auf der Suche nach einem leichten Krimi ist, wird vermutlich wenig Freude mit dem Buch haben, ebenso diejenigen, die auf etwas Schöngefärbtes und einen glücklichen Ausgang hoffen. Alle anderen dürfen gerne zugreifen, aber Achtung: Es könnten Fragen offen bleiben, denn in vieles muss man mehr hineinlesen, als auf den Seiten steht (die siamesischen Zwillinge etc.). Und: Es ist ein düsteres und hartes Buch.
Nichts für schwache Nerven
Werfen wir einen Blick auf das Umfeld, in dem „Der Schatten einer offenen Tür“ spielt: Ostrog ist eine ehemalige Gefängnisstadt, selbst der verehrte Bürgermeister Arkadi Baumann saß sieben Jahre ein. Wir haben eine Menge Ex-Gefängnisangestellte, der 40-jährige Michail war Aufseher. Die Kinder sind ungewollt, unverstanden, ungehört. Es ist eine beklemmende Stimmung, es herrscht eine allumfassende Hoffnungslosigkeit. Die Menschen sind einiges gewohnt – ich nicht. Bei den Foltermethoden wollte ich aussteigen. Aber es ist nicht nur das. Das Buch wirft Fragen auf – und zwar solche, deren Antworten man nicht hören will.
Die Folgen einer guten Tat
Alles, was wir tun, hat Folgen. Und hier geht es um die Auswirkungen guter, eigentlich richtiger (einmaliger) Entscheidungen, die in diesem Umfeld zu verhängnisvollen werden.
Die Figuren haben mich nicht beeindruckt, aber mit Petja habe ich gefühlt. Was kann man werden an einem Ort wie diesem? Wenn alle um einen herum anders sind – ist man dann falsch? Das ehemalige Heimkind wird zum Einzelprotestler, gibt nicht auf, obwohl er der Außenseiter ist und von allen Seiten angegriffen wird. Wie kann er sich einfügen in diese Welt, in die er nicht passt? In der für diejenigen, die für die Wahrheit und Anstand eintreten, kein Platz ist? In der die, die für das Gute kämpfen, nichts zu suchen haben?
Zitat
"Leuten wie dir müsste mal einer von klein auf erklären, wie beschissen die Welt ist! Nichts zu machen! Sieh dich um - was willst du hier verändern? (...) Nicht diese Typen bräuchten Erziehung, sondern du!"
eBook, Erster Gesang, Pos. 83/2487, 3 %
Ach, Petja.
Letztlich muss sich Koslow entscheiden, was er, der nie kriegt, was er haben möchte, will: Die Wahrheit oder einen Schuldigen?
Und wir müssen uns fragen: Wie nah an der Realität ist diese bittere Geschichte?
Aufbau
Es gibt einen Prolog, die Kapitel „Erster Gesang“ bis „Vierundzwanzigster Gesang“ mit zwei Zwischenspielen, einen Epilog und eine Besonderheit: Eine Fragenliste für den Unterricht. Mit einem Postskriptum schließt „Der Schatten einer offenen Tür“ nach 272 Seiten ab.
Fazit
Wenn einem dieses Buch nicht das Herz bricht, dann weiß ich auch nicht.

Klingt die Prämisse von Filipenkos neuestem Roman im ersten Moment nach einem klassischen Krimi, so ist "Der Schatten einer offenen Tür" tatsächlich ein überaus düsterer Gesellschaftsroman, der sich gegenüber vielen Aspekten des russischen Alltags (Politik, Recht, Sozialwesen...) sehr kritisch ausspricht. Mit Charakteren durchdrungen von Pessimismus und Gleichgültigkeit, mit sehr expliziten Szenen polizeilicher Willkür und Gewalt und einer allgegenwärtigen Aura der Hoffnungslosigkeit, in der selbst gute Taten verhängnisvolle Konsequenzen haben können, ist
"Der Schatten einer offenen Tür" definitiv keine leichte Kost für Zwischendurch.
Fazit: Ein lesenswertes, aber schwer verdauliches Buch, dessen ungeschönter Realismus den Leser noch lange verfolgt.

Selbstmordserie im Waisenhaus
„Dann geh, und sieh es dir an, dann erfährst auch du auch gleich, wie dein Volk abseits der Hauptstadt lebt.“
Schon in seinen Romanen „Rote Kreuze“ und „Der ehemalige Sohn“ prangert Filipenko russische Zustände an. So auch in diesem Buch, in dem er Ermittler nach einem Schuldigen für eine Selbstmordserie Jugendlicher suchen lässt.
Der scheint schnell in dem Außenseiter Petja gefunden zu sein. Aufgewachsen im Waisenhaus, von diversen Pflegefamilien wieder zurückgegeben, verhält er sich anders als andere. Einst hat er sich gegen eine Reise der Waisenhauskinder nach Griechenland ausgesprochen, die mehreren Selbstmorden vorausgegangen ist. Nun begleiten wir die Ermittler bei ihrer Recherche, warum die Kinder nicht mehr leben wollten.
Dieses Buch ist geschrieben wie ein emotionsloser Bericht und hat mich – vielleicht gerade deswegen - aufgewühlt. Denn was hier alles beleuchtet wird, ist kaum vorstellbar. Der Autor zeigt seine Figuren mit all ihren Eigenschaften und die Reaktion der Umwelt darauf. Wer nicht so ist wie gewünscht, wird schief angeschaut und verurteilt. Der Aufbau des Romans hat mich besonders angesprochen: Hier werden keine Erklärungen gegeben, sondern anhand von Momentaufnahmen nur Geschehenes berichtet, untermalt mit diversen Aufsätzen und Zeitungsberichten.
Sasha Filipenko, 1984 in Minsk geboren, ist laut PEN Berlin einer der herausragenden belarussischen Autoren und einer der profiliertesten Kritiker des Lukaschenko-Regimes. Er studierte an der Europäischen Humanistischen Universität in Minsk und nach deren Schließung 2004 an der Universität Sankt Petersburg Literatur. Nach dem Master arbeitete er für die unabhängigen Sender Dozhd und RTVi. Er beteiligte sich an den Protesten 2020 und lebt seitdem mit seiner Familie im Schweizer Exil. Hier engagiert er sich für Meinungsfreiheit, was dazu führte, dass sein Vater mit den Worten »Danke deinem Sohn« von belarussischen Polizisten im November 2023 festgenommen wurde.
Fazit: diese zeitgenössische Literatur über russische Zustände ist ausgesprochen lesenswert!

In einer Kleinstadt in der tiefsten russischen Provinz begehen nach und nach mehrere jugendliche BewohnerInnen eines Waisenhauses Selbstmord. Der nachdenkliche Moskauer Ermittler Alexander Koslow wird entsandt um den mysteriösen Ereignissen in Ostrog auf die Spur zu kommen. Und stößt schließlich auf eine Erkenntnis, die ihn in seinen Grundfesten erschüttert…
Sasha Filipenko hat einen besonderen Kriminalroman der leisen Töne kreiert, der ungewohnte Einblicke in die russische Seele und die aktuelle Lage im Staat gibt. Der melancholische Kommissar Koslow und sein übermotivierter junger Assistent spiegeln die Zerrissenheit des Landes perfekt wider. Philosophische, tiefgehende Krimiunterhaltung, die ohne Action und Blutvergießen subtile Spannung erzeugt.

Die Story war interessant.
Allerdings bin ich mit den Figuren nicht warm geworden. Die Namen haben mich verwirrt und ich musst immer überlegen, wer wer ist.
Zusätzlich waren manche (sexualisierten) Szenen für das Buch nicht gut. Dies war zu weit von der eigentlichen Geschichte entfernt und hat den Charakter unsympathisch gemacht.
Die Einblicke, in ein Kinderheim in Russland waren anders als erwartet.

Einerseits ist "Der Schatten einer offenen Tür" des belarussischen Exil-Autoren Sasha Filipenko ein Stück Kriminalliteratur, geht es doch um die Ermittlungen eines Moskauer Kriminalkommissars in der nordrussischen Provinz. In einer Kleinstadt, in der ein Kinderheim, ein Gefängnis und ein psychiatrische Klinik die größten Jobchancen für die Einwohner zu bilden sein, soll er eine Selbstmordserie aufklären. Vier jugendliche Bewohner des Kinderheims sind tot. Waren es am Ende gar keine Selbstmorde?
Zugleich ist der Roman ein Porträt einer perspektiv- und hoffnungslosen Gesellschaft, in der im Zweifelfall Brutalität und Intrigen den Sieg davontragen. Alexander Koslow, der aus Moskau geschickt wurde, um die Selbstmordserie aufzuklären, ist nach dem Scheitern seiner Ehe selbst tieftraurig und steht in der Provinz auf verlorenem Posten - der örtliche Polizeichef ist wegen eines vorangegangenen Falls schlecht auf ihn zu sprechen - und hat selbst bereits seinen Verdächtigen, den naiven und gutmütigen Petja, selbst einst Zögling des Kinderheims, von dem sich die örtliche Polizei genervt fühlt. Petja ist zwar unschuldig, soviel sei bereits verraten, aber die Polizisten haben Mittel und Wege, ein Geständnis zu bekommen.
Filipenko schreibt teils mit bitterem Humor, teils pointiert und legt den Finger in so manche Wunde. Das Kinderheim wie auch das lokale Polizeirevier werden zur Parabel einer Gesellschaft, die von Zwang und Anpassungsdruck bestimmt ist und Individualität unterdrückt. Verletzungen wie Selbstverletzungen sind hier Alltag. Der traurige Kommissar löst am Ende zwar seinen Fall, doch er kann weder sich noch Petja helfen. Angesichts der Realitäten kann er im Ringen um die Wahrheit nur scheitern.
Mit repressiven Systemen kennt sich Filipenko aus. In seinen früheren Romanen schilderte er das Leben unter dem Stalinismus ebenso wie Korruption und Gier in seiner Heimat in der Gegenwart. Sein neues Buch, im Stil der griechischen Tragödie in Gesänge gegliedert, beeindruckt mit seiner Kompromisslosigkeit und Düsternis.

In Der Schatten einer offenen Tür von Sasha Filipenko entwickelt sich in der trostlosen Provinzstadt Ostrog ein schockierendes Rätsel, bei dem eine Serie von Suiziden im örtlichen Waisenhaus das Leben der Jugendlichen fordert. Der Moskauer Ermittler Alexander Koslow, der selbst von persönlichen Krisen und Depressionen gezeichnet ist, soll den Fall aufklären. Im Verlauf der Handlung wird er von der Komplexität des Falls zunehmend berührt und fühlt sich bald verpflichtet, als Sprachrohr für die Opfer zu agieren.
Petja, ein sensibler und gutmütiger Außenseiter, der der Polizei als Hauptverdächtiger gilt, wird für Koslow zur Verkörperung der verlorenen Unschuld und Menschlichkeit. Filipenko nutzt die Geschichte, um Korruption und soziale Missstände in der russischen Gesellschaft aufzuzeigen, wobei die Waisenhauskinder als Symbol für die Schwächsten dienen, die vom System im Stich gelassen werden. Der Roman entfaltet sich in 24 Kapiteln und mehreren Perspektiven, was dem Werk Tiefe und Vielschichtigkeit verleiht. Die düstere, melancholische Atmosphäre sowie Filipenkos kritischer Blick auf die russische Gesellschaft machen das Buch zu mehr als einem Krimi: Es ist ein gesellschaftlicher Appell, einprägsam und fesselnd, der lange im Gedächtnis bleibt.

Ich habe eher zufällig dieses Buch bestellt und erwartete nichts besonderes. Und schnell konnte ich meine Meinung revidieren. Das Buch ist zwar kein klassischer Krimi, den man so nebenbei liest, es fesselt aber sofort und durch Setting an einem düsteren Ort in Russland, bringt den Leser in unbekannte bzw. ungewohnte Welten. Der Kommissar legt seine "Schale" nach und nach ab und dadurch wird die Lektüre immer vielschichtiger, immer emotionaler. Auch wenn man sich auf ersten Seiten ein wenig an die Sprache gewöhnen muss, passiert das schnell und man landet mittendrin in der Geschichte, die eine Mischung aus Emotionen und Spannung bietet. Für mich ist der Autor eine Entdeckung!

Petja arbeitet in einer Hygienewarenfabrik und rollt Wattestäbchen. Das Werk gehört einem ehemaligen Strafgefangenen und der möchte noch mehr Fabriken bauen. Zu dem Zweck muss er viele Bäume fällen und das gefällt Petja überhaupt nicht. Er ist sehr naturverbunden und beobachtet nicht nur Vögel besonders gerne. Er will für den Erhalt „seiner“ Bäume kämpfen. Und dann gibt es in dem Ort noch das Waisenhaus. Das kommt in die Schlagzeilen, weil sich drei Kinder nacheinander das Leben nahmen. Keiner weiß warum.
#DerSchatteneineroffenenTür ist ein weiteres Buch von Sasha Filipenko. Seine eindringliche Art, die Gedanken der Akteure aufs Papier zu bringen, zeichnet ihn aus. Er hat einen Schreibstil, der nicht alltäglich ist. Klar zu erkennen ist seine Kritik an Russland. Hier wird sie anhand des Umgangs mit Waisenkindern verdeutlicht. Nein, sie kommt nicht mit direkten Vorwürfen, sondern recht subtil daher. Obwohl mir seine letzten Romane besser gefielen, gebe ich auch für dieses Buch eine Empfehlung. #NetGalleyDE

Bevor ich dieses Buch las, kannte ich Sasha Filipenko nicht und ich erwartete anhand der Kurzbeschreibung eine Art Kriminalroman. Ein klassischer Krimi ist „Der Schatten einer offenen Tür“ jedoch nicht. Dennoch - oder vielleicht gerade deswegen - hat der Roman für mich einen Sog entwickelt, der dafür sorgte, dass ich das Buch nicht mehr weglegen wollte und es auf einen Rutsch gelesen habe.
Filipenko erzählt nicht stringent, sondern fügt die einzelnen Fäden, die er in 24 Gesängen, Prolog, Epilog und Postskriptum spinnt, nach und nach zu einem virtuos komponierten Ganzen. Spannend sind seine Protagonisten: Da ist der Moskauer Ermittler Alexander Koslow, eigentlich erfahren, intelligent und pflichtbewusst, jedoch aufgrund privater Probleme nicht auf der Höhe und depressiv. Er ist auf gewisse Weise ein klassischer tragischer Held. Der Revierinspektor Michail, einst ein Gefängniswärter in Ostrog, ist provinziell, einfach gestrickt, grob. Er hat noch eine alte Rechnung mit Koslow offen und will Koslow keinesfalls die Lösung des Falles überlassen. Die außergewöhnlichste Figur ist Petja, ein ehemaliger Waisenjunge aus dem Ostroger Kinderheim. Er ist ein Außenseiter und komischer Kauz, empfindsam, gutmütig und naiv, und glaubt fest an Recht und Gesetz. Besonders faszinierend fand ich die siamesischen Zwillinge Vera und Ljubow, deren Nebenstrang eine eigene kleine Parabel mit interessanten Interpretationsmöglichkeiten angesichts der gegenwärtigen politischen Lage bietet.
Die Grundstimmung des Romans ist düster und melancholisch, der Humor tiefschwarz, und der Trostlosigkeit und Gleichgültigkeit steht einzig Petjas sanftes, selbstloses und gutgläubiges Wesen entgegen.
Ein Roman, der sehr nachdenklich stimmt und den man noch lange mit sich trägt.

Mein erster Roman des Autors - übersetzt von Ruth Altenhofer.
Sprachlich war es eine Wonne, die Story (meiner Meinung nach) etwas mau, wenn auch im Grundgedanken sehr interessant.
In der öden Gefängnisstadt Ostrog kommt es zu einer Suizid-Reihe unter Waisenkindern. Der vom Leben enttäuschte Kommissar Alexander Koslow aus Moskau soll nun den Fall untersuchen, da der örtliche Revierinspektor nicht weiterkommt.
Gemeinsam mit dem hippen Leutnant der Ermittlungsbehörde, Fortow, macht er sich also in die Provinzstadt auf, in der er vor Jahren bereits den Bürgermeister - einen ehemaligen Häftling des ortsansässigen Gefängnis - entmachtet und hinter Gitter gebracht hat (warum, wird nie klar).
Augenscheinlich ein Krimi, in dem etwas aufgeklärt werden soll; doch eher ein Portrait der russischen Gesellschaft. Koslow wird geschickt, um im Sinne Moskaus Klarheit in die Sache zu bringen - und deckt Missstände im Waisenhaus auf, die der Gesellschaft ein Spiegelbild vorhalten; unliebsame Personen werden kategorisiert und weggesperrt. Ab und zu bekommen sie einige Vorteile zu spüren, im Großen und Ganzen ist ihr Leben allerdings eingeschränkt und vorbestimmt.
Um einen Schuldigen zu finden, schreckt der Revierinspektor nicht vor Beweismanipulation und (sehr heftiger!) Folter zurück; doch Koslow erkennt die Wahrheit - und in der Folge kommt es gleichzeitig zu Umbrüchen in seinem Leben und den Zuständen der Waisenkinder; man fragt sich nur, für wie lange - denn das, was dort geschieht, sieht letztlich nach Aktionismus aus, der auch schnell wieder abebben kann.
Wie gesagt, sprachlich hervorragend und von der Grundidee gut; und trotzdem bin ich nicht überzeugt. Koslow ist recht gut gezeichnet, jedoch belastet mit Problemen, auf welche er nicht immer logisch (wenn vielleicht auch menschlich) reagiert. Warum er jedoch - nach Landung bei Ostrog - zunächst die Flughafentoilette aufsucht, um zu ornanierrn, das erschließt sich mir nicht wirklich.
Alle anderen Figuren, insbesondere Fortow, sind sehr dünn gezeichnet, was die Geschichte irgendwie stört, ja unterbricht. Eine löbliche Ausnahme ist da das ehemalige Waisenkind Petja, der Sündenbock des Revierinspektor und mein eigentlicher (tragischer) Held der Geschichte.
Ich war nicht gelangweilt aber auch nicht sehr gespannt - sprachlich gesehen war das Buch angenehm zu lesen und hatte einige sehr interessante Ansatzpunkte.
Einer meiner Lieblingszitate:
„Dass er mit fünf Jahren Eiszapfen von draußen hereingebracht und die Erzieher gebeten hatte, sie in den Gefrierschrank zu legen, um ihnen das Leben zu retten.“
Von meiner Seite aus 3/5 Sterne und sicher für jeden etwas, der keinen herkömmlichen Krimi, sondern eher eine Gesellschaftskritik lesen mag; und dabei über ein paar „Störer“ hinwegsehen kann.

Eine fesselnde Geschichte mit tieftraurigen Charakteren. Dank des tollen Schreibstil aber nicht zum Aus der Hand legen.

Vielschichtiger, kritischer, zu Herzen gehender Blick in die russische Gesellschaft
Ich kenne und schätze den Autor sehr, weshalb ich genau wusste, worauf ich mich einlasse: einen tiefgehenden, kritischen Blick auf die russische Gesellschaft, gewürzt mit satirischem und schwarzem Humor sowie emotionaler Intensität.
Die Rahmenhandlung des Romans wird durch vier Suizide von Bewohnerinnen eines Kinderheims in der russischen Provinz geprägt, das in der Stadt Ostrog ("Gefängnis") liegt – einer Ortschaft, die rund um eine Strafanstalt entstanden ist. Der Originaltitel "Rückkehr nach Ostrog" trägt durchaus eine vielschichtige Bedeutung, die sich in diesem kurzen Roman entfaltet.
Die Suizide haben eine hohe Medienwirksamkeit, weshalb ein Kommissar aus Moskau zusammen mit seinem Assistenten entsandt wird, um den Fall zu untersuchen und der Öffentlichkeit zu signalisieren, dass Maßnahmen ergriffen werden. Der Kommissar hat dafür vier Tage Zeit, die die eigentliche Erzählhandlung umfassen.
Kommissar Koslov, ein Kriegsveteran aus Tschetschenien, ist ein kluger und gewissenhafter Mann, der jedoch aus der Bahn geworfen ist, da ihn die Trennung von seiner Frau vor einigen Jahren stark getroffen hat. Sie fragte ihn einmal ernsthaft verwundert: „Du hast so eine Katastrophe [Tschetschenienkrieg] verdaut, wie kann es da sein, dass du mich nicht vergessen kannst?!“ Sein Assistent ist ein stets gut gekleideter junger Mann, der wenig Interesse an der eigentlichen Ermittlungsarbeit zeigt und diese eher widerwillig erledigt.
Der Revierinspektor vor Ort, sieht nur noch die reale Trostlosigkeit, den nahenden Winter, der mit Stromausfällen, eingefrorenen Rohren und erforenen Säufern in der Schneewehe daher kommen wird und für den nur das Recht des Stärkeren gilt. Nur mit Gewalt lasse sich der Frieden in dieser besch... Welt herstellen.
Eine weitere Hauptfigur ist Petja, ein ehemaliges Heimkind. Er gilt als der "Dorftrottel" und ist zwar ein etwas eigenwilliger junger Mann, aber der Einzige,der fest an Werte und Überzeugungen glaubt. Er denkt und lebt nach humanistischen Prinzipien, wird jedoch von allen verspottet und nicht ernst genommen.
Der Roman ist in "Gesänge", gleich einer griechischen Tragödie unterteilt, die in schneller Abfolge wechseln und verschiedene Perspektiven sowie Zeiten beleuchten. Immer wieder werden Bezüge zur griechischen Mythologie oder Griechenland hergestellt, zudem auch eine Reise nach Griechenland eine wichtige Rolle spielt.
Wie es in Russland üblich ist, findet man Anspielungen auf russische Werke und es fließen Zitate aus Liedern, Gedichten und Filmen ein, die in Fußnoten erläutert werden.
Im Fokus steht zum einen die Lösung des Falls- waren es wirklich Suizide oder gar Morde? Zum anderen wird die russische Gesellschaft beleuchtet und insbesondere die prekäre und harte Lage von Heimkindern in der russischen Provinz. Ihre Herkunft, Lebenslage und Lebensperspektiven werden hier eindrücklich dargestellt.
Erwähnenswert ist zudem die kleine Nebengeschichte um die siamesischen Zwillinge Vera und Ljubov (Glaube und Liebe), die aufgrund des Ukrainekrieges in einen unversöhnlichen Streit geraten sind, da die eine auf der Seite Russlands und die andere auf der Seite der Ukraine steht. Ebenfalls erwähnenswert ist eine in sich geschlossene Kurzerzählung, die die Absurdität des russischen Justizsystems thematisiert.
Dern Roman konnte ich gut in einem Rutsch lesen, ich fand ihn fesselnd, spannend und interessant. Ich empfand das Setting sehr realistisch und glaubhaft gezeichnet, manchmal vielleicht etwas überzeichnet- aber diesen Humor braucht man auch, um gewisse bittere Realitäten zu ertragen. Eine der Rezensentinnen bemerkte, dass ihr bei diesem Roman das Herz gebrochen wurde – und genau so erging es mir auch.
Der vielleicht einzige Kritikpunkt, den ich anbringen möchte, ist, dass der Autor an einigen Stellen ruhig etwas mehr ins Detail hätte gehen können, um den Figuren noch näher zu kommen und noch mehr die Lebensrealität kennen zu lernen.
Insgesamt handelt es sich um einen dichten Roman, der spannend und berührend, gleichzeitig kritisch und humorvoll ist und mich nachdenklich, betroffen und etwas hoffnungslos zurücklässt. Geeignet für Menschen, die sich mit den russischen Verhältnissen auskennen oder auch für Menschen, die einen Einblick in russische Verhältnisse gewinnen möchten.